Die Geschichte der Jugendweihe

Eigentlich ist die Jugendweihe schon sehr alt und keine Erfindung der DDR, wie viele Leute denken:

154 Jahre Jugendweihe in Deutschland

Die Jugendweihe, das ist für viele Familien heute eine Selbstverständlichkeit. Besonders in den neuen Bundesländern und in Städten wie Hamburg, Hannover, Saarbrücken und Kassel betrachten die Menschen Jugendweihe als ein Familienfest mit sehr hohem Stellenwert.

Die Jugendweihe ist vom Grundgedanken eigentlich nichts Neues. In der Zeit der bürgerlichen Revolution, also vor über 150 Jahren, wurden die Weichen für eine neue, freigeistige Bewegung gestellt. Zu dieser Zeit war es üblich, dass die Jugendlichen konfirmiert wurden oder an der Kommunion teilnahmen. Denn erst die religiösen Zeremonien erklärten sie zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft. Damals gab es nur wenige Familien, die sich trauten, den von der Kirche und Obrigkeit aufgezwungenen Glauben in Zweifel zu ziehen oder gar abzulehnen.

Nach der demokratischen Revolution von 1848 lockerten die deutschen Länder Gesetze, ermöglichten ihren Bürgern den Austritt aus der Kirche und erlaubten den Kindern in der Schule die Befreiung vom Religionsunterricht. So entstanden in vielen Städten freie Schulen, in denen auch überkonfessioneller Unterricht erteilt wurde. Auf diese Weise sollten die Schüler zu religions- und selbstkritischen Persönlichkeiten erzogen werden.

Der Pfarrer Eduard Baltzer aus dem thüringischen Nordhausen hatte 1852 genug Mut, in diesem Sinne zu handeln. Er war Sprecher der neu gegründeten Freien Gemeinde, die den Machtanspruch der Kirche, ihren Prunk und Reichtum ablehnte. Das war zu der Zeit nicht ungefährlich. Pfarrer Baltzer lud dennoch Jungen und Mädchen ein und nannte in Abgrenzung zur Konfirmation und Kommunion seine Einführung der Jugendlichen in die christliche Gemeinde „Jugendweihe“.

Grundgedanke seiner Jugendweihe war es, den Jugendlichen selbst die Entscheidung überlassen zu wollen, ob und welcher Konfession sie sich anschließen wollten. Deshalb bedeutete Jugendweihe nicht Konfessionslosigkeit, sondern Konfessionsfreiheit. Dieser Gedanke war revolutionär und wurde schnell von anderen Gemeinden übernommen.

Ab 1889 wurden in Berlin und 1890 in Hamburg und Erfurt die ersten weltlichen Schulentlassungsfeiern durchgeführt. Die Initiatoren dieser weltlichen Feiern kamen aus den freireligiösen Gemeinden. Der Name „Jugendweihe“ setzte sich aber erst nach dem ersten Weltkrieg durch. Die Zahl der am 14. April 1889 in Berlin „jugendgeweihten“ Jungen und Mädchen betrug gerade einmal 37 Teilnehmer. Zur Jahrhundertwende gab es zum Beispiel in Hamburg 50 Teilnehmer, 1912 waren es schon 1800.

Ihre größte Ausstrahlung hatte diese Kultur in den Jahren der Weimarer Republik, als die Freidenker in Deutschland stark waren und über eine Millionen Anhänger hatten. 1931 zum Beispiel beteiligten sich in den Hochburgen von SPD und KPD zwanzig Prozent aller Schulentlassenen an einer Jugendweihe. Die großen Feiern wurden sogar im Rundfunk übertragen.

Natürlich hatte die Bewegung auch ihre Gegner. Die Kirche und Staatsorgane wetterten gegen die neue atheistische Bewegung. Der Frühling des freien Geistes war nicht von langer Dauer. Dass die Nazis in den Freigeistern ihre Kulturfeinde sahen, war logisch. Ihre Versuche, die Jugendweihe zu okkupieren und in den Dienst ihrer Propaganda zu stellen, misslangen jedoch. 1933 wurde die Jugendweihe verboten.

Nach der Befreiung vom Faschismus durch die alliierten Truppen wurde Deutschland in zwei Interessensphären aufgeteilt. Nachdem auch in der sogenannten Ostzone und der späteren DDR vorerst die Feiern von Freidenkern veranstaltet wurden, wurden hier 1954 die Ausschüsse für Jugendweihe gegründet. Danach gab es in allen Bezirken der DDR ausschließlich die von der SED kontrollierten Jugendweihefeiern. Nun wurde die Jugendweihe zunehmend dazu missbraucht, den Jugendlichen die herrschende Ideologie zu vermitteln und sie vom kirchlichen Einfluss fernzuhalten. Sie wurde zum Verpflichtungsritual des jungen Menschen, sich unabhängig von religiöser Bindung zum sozialistischen Staat zu bekennen. Es wurde erwartet, dass jeder an der Jugendweihe teilnahm.

Doch nicht alles in den knapp 40 Jahren des Bestehens der Jugendweihe in der DDR war schlecht. Fragen nach dem Sinn des Lebens, die junge Menschen bewegen, konnten vielerorts diskutiert werden. Es gab zahlreiche Angebote für eine sinnvolle Lebens- und Freizeitgestaltung. Zudem wurde die Jugendweihe zum Anlass für eine gewaltige Familienfeier, zu der alle Freunde, Verwandten und Bekannten eingeladen wurden.

Nach dem Untergang der DDR wurde der Jugendweihe, vor allem seitens westdeutscher Politiker, Medien und Kirchenvertreter, der baldige Tod vorausgesagt. Doch trotz des fast schon missionarischen Eifers ihrer Gegner ist sie im Jahr 17 nach der Einheit immer noch da und erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Heute erkennen vor allem konfessionell ungebundene Familien in der Jugendweihe die Möglichkeit, mit ihren Töchtern und Söhnen würdevoll den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden zu feiern.

Heute sind die Anbieter der Jugendweihe der Humanistische Verband Deutschlands, der Freidenkerverband, die Jugendweihe Deutschland e. V. sowie weitere Gruppierungen. Die im Sommer 1990 gegründete Interessenvereinigung Jugendweihe e. V., heute Jugendweihe Deutschland e. V., ist zurzeit der größte Anbieter der Bundesrepublik Deutschland. Im Jahr 2003 hat der 1-millionste Teilnehmer seit der Gründung des Vereins seine Jugendweihe erhalten.

Werner Riedel, Ehrenmitglied im Bundesvorstand des Jugendweihe Deutschland e. V. (2006)

Historische Jugendliche

Jugendweihefeier in Weimar

CCN Weimarhalle, Weimar 2007

Jugendweihefeier in Weimar - Gratulation durch Festrednerin Susanne Hennig

CCN Weimarhalle, Weimar 2008

Jugendweihefeier in Bad Berka 2013 - Blumenkinder

Zeughaus Bad Berka 2013